Das Interview gilt als eine der schwierigsten journalistischen Formen überhaupt und ist selten „mal eben“ gemacht und dabei auch noch gut. Wie ein gutes Interview aussieht und wie ich mich am besten darauf vorbereite, welche Tücken und Chancen es bietet soll hier aber nicht thematisiert werden, dafür verweise ich auf den Beitrag von Kerstin Hoffman (pr-doktor.de) Die beiden Beiträge sind eine Blog-Gemeinschaftsaktion zwischen Kerstin Hoffmann und der KreativeKK.

Kerstin_Hoffmann

Kerstins Beitrag zum Thema Interview:
Gute (oder zumindest etwas weniger schlechte!) Interviews für Blogs, Online-Magazine, Corporate Publishing führen.

Dieser Beitrag soll deutlich machen, was ich bei der Interviewführung vor der Kamera zu beachten habe und wie sich das Videointerview von zum Beispiel Printinterviews unterscheidet. Was ist überhaupt das Besondere daran? Was muss ich beachten? Wie bereite ich mich vor? Welche Techniken sollte ich beherrschen? Wie entschärfe ich die ungewohnte Situation vor der Kamera? Und zum Abschluss: Welche Technik benötige ich?

Was ist das Besondere an einem Videointerview?

Das Besondere an einem Videointerview ist – der Name sagt es ja bereits – der Faktor Video. Ein Videointerview impliziert, das (meistens) wesentlich mehr Personen vor Ort sind, als bei einem Zweier-Gespräch im Café oder im Büro. Das verändert die Situation erheblich – für den Interviewten und den Interviewer. Man kann nicht einfach „drauf loslegen“, sondern muss stets warten, bis alle Personen bereit sind, die Kamera eingestellt ist und Ton und Licht sitzen. Gerade dem Interviewten nimmt dies oft einen Teil der eigenen Sicherheit, und wer es nicht gerade gewohnt ist vor der Kamera zu sprechen, wird schnell nervös. Hier kommt der Interviewer ins Spiel: Seine Aufgabe ist nicht nur, im richtigen Moment die richtigen Fragen zu stellen – er ist die Bezugsperson für den Interviewten, der Fels in der Brandung. Er oder sie muss die Situation erklären – nichts ist schlimmer für die Stimmung als ein mehrere Minuten andauerndes Schweigen während der Kameramann letzte Einstellungen vornimmt.

Nehmen Sie Ihrem Gegenüber die Nervosität

Ein nervöser und aufgeregter Interviewpartner ist vor der Kamera um einiges schlimmer, als in einem mündlichen oder schriftlichen Interview. Denn das geschriebene Wort kann einfach von Versprechern, unfertigen Sätzen und vielen Füllwörtern befreit werden. Im Video ist das nur mit Hilfe von Überblendungen möglich. Nutze ich diese Überblendung in einer Antwort allerdings zu oft, geht die Glaubwürdigkeit flöten. Ein Satz, der aus drei verschiedenen Antworten zusammengebastelt wurde, ist nicht authentisch und schon gar nicht glaubwürdig. Deshalb muss ich versuchen, eine ruhige und entspannte Atmosphäre zu schaffen obwohl viele Menschen vor Ort sind, der Aufbau länger als bei einem schriftlich geführten Interview dauert und warme Lampen dem Interviewpartner den Schweiß auf die Stirn treiben.

videointerview

Tipp 1: Nehmen Sie sich genügend Zeit

Ein schönes Interviewbild einzurichten kann schon einmal eine Stunde Zeit in Anspruch nehmen. Es muss ein schöner Hintergrund gefunden werden, die Perspektive und der Bildausschnitt werden festgelegt, das Licht wird eingerichtet und der Ton-Check darf auch nicht fehlen. Muten Sie das Ihrem Interviewpartner nicht zu! Eine Stunde am Set mit Kommandos wie: „Rutschen Sie bitte noch einen halben Meter nach rechts“, „Könnten Sie sich etwas zur Kamera drehen? – Nein nicht mit dem ganzen Körper, nur mit dem Gesicht“, und: „Jetzt bitte einmal 20 Sekunden ganz still sitzen“, können auch den routiniertesten Unternehmenschef zur Verzweiflung bringen. Wählen Sie eine Person aus Ihrem Team, die in etwa der Größe des Interviewten entspricht, und lassen Sie ihn im Set sitzen während alles eingerichtet wird. Erst wenn wirklich alles steht bitten Sie die Person-of-Interest ans Set. Nun muss höchstens noch ein Feinschliff bei Kamerahöhe und Lichtsetzung angelegt werden, und schon können Sie loslegen – mit einem Interviewpartner, der nicht schon völlig entnervt und demotiviert ist.

Tipp 2: An die ungewohnte Situation herantasten

Eine gute Möglichkeit, den Interviewten an die Situation zu gewöhnen, ist im bereits eingerichteten Set etwas Small-talk zu betreiben. Das Set steht und der Interviewpartner sitzt, nun steigen Sie nicht sofort mit der ersten Frage ein sondern fragen Sie nach belanglosen Dingen, verwickeln Sie ihren Partner in ein lockeres Gespräch. Sie werden sehen, dass Ihr Gegenüber entspannter wird und sich an die Situation mit Kamera und Lichtern gewöhnt, während einfach dahin geplappert wird. Gleichzeitig ist dies eine gute Möglichkeit, den Ton zu pegeln. Sind Sie mit einem eingespielten Team unterwegs, verläuft der Übergang von Small-Talk zu Interview fließend und der Interviewte merkt kaum, dass mit dem Interview schon begonnen wurde!

Vor dem Dreh: Überlegungen zur Form des Interviews

Beim schriftlichen Interview habe ich auch später noch die Möglichkeit, meine Fragen den Antworten anzupassen oder mich sogar dafür zu entscheiden, die Fragen komplett herauszulassen und das Interview in eine andere Form zu setzen. Das Videointerview bietet mir diese Möglichkeit nicht. Natürlich kann ich meine Fragen in der Postproduktion in veränderter Form noch einmal über das Video sprechen, allerdings wird auch der Laie dies später hören – sofern Sie kein Ton-Profi sind. Denn Hintergrundgeräusche und der Raumklang werden abweichen und Ihren Trick so enthüllen. Deshalb sollten Sie sich im Vorfeld gründlich Gedanken zur Form des Interviews machen. Soll der Interviewer mit im Bild sein? Dann werden Sie auch seine Fragen mit in das Video nehmen. Umso wichtiger ist es dann, einen Interviewführer zu wählen, der mit Videointerviews vertraut ist. Jede Frage muss sitzen – es wäre doch wirklich ärgerlich, wenn ich eine gute Antwort bekomme, die Frage aber schlecht formuliert oder undeutlich gesprochen wurde. Zusätzlich sollte derjenige auch seriös und geübt vor der Kamera agieren.

Sie können sich natürlich auch dafür entscheiden, weder den Interviewer, noch seine Fragen im fertigen Video zu sehen. Aber auch dann gibt es Einiges zu beachten! Meist sitzt der Interviewer recht nah an der Kamera, um die Blickrichtung des Interviewten auch nahe an der Linse zu halten. Hier gilt Obacht! Denn meine Erfahrungen zeigen mir, dass ein geübter Journalist nicht zwingend auch gute Videointerviews führt. Die Position nahe an der Kamera verlangt, sich mit seinen Gesten etwas zurückzunehmen. „Natürlich“, sagen Sie jetzt, „Ist doch klar!“. So klar ist das allerdings nicht für den ungeübten Videointerviewer. Bewegungen der Hand, des Arms oder der Schulter, die später im Video zu sehen sind führen ganz klar zu unbrauchbarem Material. Mal ehrlich: Niemand möchte Gliedmaßen eines anderen über das Gesicht des Interviewten huschen sehen. Ebenso verhält es sich mit verbalen Äußerungen. In einem Gespräch ist es ganz natürlich dem Gegenüber mit einzelnen „Ja’s“, „Hmh’s“ oder kleinen Lachern zu signalisieren, dass man noch am Ball ist und dem Gesagten folgt. Im Videointerview ist auch das tödlich. Stellen Sie sich bitte vor, Sie lauschen einem wirklich interessanten Interview, zwischendurch hören Sie aber aus dem Hintergrund einzelne Laute, die Sie nicht zuordnen können. Das stört ungemein und führt dazu, dass wir uns nicht mehr auf das Wesentliche konzentrieren können.

Tipp 3: Holen Sie Ihr Gegenüber mit ins Boot

Erläutern Sie Ihrem Gegenüber, dass Ihre Fragen nicht ins Video genommen werden und Sie auch nicht im Bild zu sehen sind. Daraus resultiert natürlich, dass Sie auch nicht mit verbalen Einschüben im Video zu hören sein dürfen. Das muss aber auch Ihr gegenüber wissen, da er sich sonst fragt, warum Sie nicht wie ein normaler Mensch reagieren.

Tipp 4: Halten Sie Augenkontakt

Der Augenkontakt im Interview zeigt Ihrem Gegenüber, dass sie noch immer an Bord sind und zuhören. Auch kleine Gesten wie ein Kopfnicken, oder ein (stilles!) Lächeln können die Verbindung zu Ihrem Gesprächspartner aufrechterhalten.

Tipp 5: Die Frage in der Antwort bitte!

Möchten Sie Ihre Fragen nicht in das Video hinein nehmen, müssen Sie sich meist zwischen zwei Möglichkeiten entscheiden. Nummer eins: Sie blenden die Frage ein. Nummer zwei: Die Frage muss in der Antwort enthalten sein. Manchmal kann man dies schon durch eine geschickte Fragestellung erreichen. Funktioniert dies nicht, erklären Sie dem Interviewten, dass Ihre Fragen nicht zu hören sein werden. Bitten Sie ihn, einen Teil der Frage in der Antwort zu wiederholen und sofort schaffen Sie den Kontext auf elegante Weise.

„Was halten Sie von dem deutschen Schulsystem?“

„Dies ist ein wirklich komplexes und schwieriges Thema, aber im Großen und Ganzen muss ich sagen, dass es wesentliche Punkte zu verbessern gäbe.“

Lesen Sie bitte die Antwort ohne die Frage – Sie werden nicht in der Lage sein, den Kontext zu erfassen.

„Was halten Sie von dem deutschen Schulsystem?“

„Das deutsche Schulsystem ist ein wirklich komplexes und schwieriges Thema, aber im Großen und Ganzen muss ich sagen, dass es wesentliche Punkte zu verbessern gäbe.“

Schon besser, oder?

Antworten herauskitzeln

Und auch wenn Sie alles oben beschriebene vorbildlich umgesetzt haben kann es Ihnen immer noch passieren, dass Sie eine recht einsilbige Person vor sich haben. Was kann da helfen?

Tipp 6: Stellen Sie zwei Fragen auf einmal

In der journalistischen Grundlehre ist dieser Tipp verschrien – mir hat er dennoch oft gute Dienste erwiesen. Der Grund ist einfach: Stellen Sie die Frage, um die es Ihnen wirklich geht und reichern Sie diese durch eine weitere Frage an. „Was war der Grund für Ihren Umzug in die Staaten und können Sie sich noch erinnern, wann und wo Sie diesen Entschluss gefasst haben?“ Mit etwas Glück fängt ihr Gegenüber an, sich an genau diese Situation zu erinnern und holt erzählerisch aus, weil er eine Geschichte mit der Frage verbindet. Im Zweifel müssen Sie nun wieder etwas zusammenschneiden und kürzen, aber unter den beschriebenen Umständen ist dies allemal besser, als eine einsilbige, knappe Antwort zu erhalten.

Tipp 7: Einfach nichts sagen

Versuchen Sie auch einmal nach dem Ende einer Antwort nicht sofort die nächste Frage zu stellen. Warten Sie einige Sekunden. Halten Sie die unangenehme Stille aus, denn genau darum geht es. Auch dem Antwortgeber ist diese Stille unangenehm und der ein oder andere wird einfach wieder anfangen zu erzählen, nur um diese Stille zu überbrücken. Manchmal muss sich der Interviewer einfach zurücknehmen. Ich habe genug Journalisten erlebt, die die nächste Frage kaum abwarten konnten, weil sie sich selbst nur allzu gerne haben reden hören.

Gehen Sie auf Ihren Gegenüber ein

Natürlich sind all diese Tipps Personenabhängig. Das Wichtigste ist, dass Sie schnell ein Gefühl dafür entwickeln, welcher Typ der Interviewte ist und schnell herausfinden, welche Techniken bei Ihrem Gegenüber zünden und welche nicht.

Und noch ein paar Praxistipps zum Abschluss:

  1.  Make-me-up!
    Nehmen Sie unbedingt Make-Up mit zum Dreh – ja, auch wenn Ihr ganzes Team nur aus Männern besteht! Sie brauchen nicht zwingend einen Visagisten, wenn das Budget es nicht hergibt. Einfaches Puder aus der Drogerie (am besten in einem hellen und einem dunklen Farbton) reicht, das ganze wird LEICHT(!) aufgetragen (decken Sie beim Pudern am besten die Oberbekleidung mit einem Handtuch ab). Nach etwa einer Minute gehen Sie mit einem weichen Pinsel noch einmal über die Haut und tragen das überflüssige Puder wieder ab: Schwitzhaut ade! Unsere Make-Up-Expertin beschreibt einige Beispiele aus unseren Dreharbeiten in einem gesonderten Beitrag.
  2. Der Ton macht die Musik!
    Verwenden Sie NIE das integrierte Mikrofon in Ihrer Kamera. Warum? Der Ton ist meistens Mist und die Kamera steht in der Regel zu weit vom Interviewten weg, um den Ton sauber aufzunehmen. Die beste Möglichkeit sind Lavellier-Mikrofone, die direkt am Revers befestigt werden – die sind sogar schon für das Smartphone mit Miniklinke erhältlich (Link Rhode)! Natürlich tut es auch ein Aufnahmegerät (Zoom), dass Sie auf einem Mikrofonstativ platzieren und zwar so hoch wie möglich, ohne dass es in das Videobild ragt.
    video-interviewDennoch macht es Sinn, das integrierte Mikrofon der Kamera mitlaufen zu lassen. Dies erleichtert Ihnen die spätere Ton-Synchronisation.Achten Sie auch auf Störgeräusche! Die können durch Smart-Geräte verursacht werden (vor Allem wenn Sie Funkstrecken verwenden), also Handys, Tablets, etc. schön weit weg aufbewahren oder den Flugzeugmodus einschalten. Achten Sie auch auf alles andere, was den Ton negativ beeinflussen kann: Laute Straßen in der Nähe, Baustellengeräusche, knartschende Stühle, übermäßiger Schmuckbehang, der bei jeder Bewegung klappert oder die Reinigungskraft, die gerade dann den Staubsauger einschaltet, wenn Sie die perfekte Antwort im Kasten gehabt hätten!
  3. Die Erleuchtung
    Licht! Licht ist wichtig, denn wenn wir den Sprecher nicht gut erkennen könne, weil es zu dunkel ist, können Sie auch gleich ein reines Audiointerview führen und sich den Aufwand sparen. Haben Sie kein Budget für eine professionelle Lichtausstattung, können Sie sich anders helfen. Natürlich hat es einen Grund, warum Profis qualitativ hochwertiges Lichtequipment nutzen (zum Beispiel die Farben im Video), für Ihr selbst gedrehtes Social-Media-Video habe ich aber noch diese Tipps: Nutzen Sie das Licht, das ohnehin vorhanden ist. Zum Einen heißt das, den Interviewten mit dem Gesicht zum Licht zu platzieren – nicht mit dem Rücken! Zum Anderen: Betrachten Sie ganz genau die Lichter im Raum. Können Sie passive Sonneneinstrahlung nutzen? Haben Sie sanfte Lampen, zum Beispiel Schreibtischlampen, die Sie nutzen können? Achten Sie nur darauf, das der Spot nicht zu hart ist – versuchen Sie, wenn nötig, ein wenig Butterbrotpapier vor den Lampenschirm zu klemmen (Vorsicht bei Halogenleuchten wegen der Hitzeentwicklung). Sie sehen, Sie haben einige Möglichkeiten um auch ohne teuren Lichtkoffer Licht ins Dunkel zu bringen.
  4. Die Blickrichtung
    Die klassische Interviewposition ist, den Interviewten an der Schnittstelle von zwei Dritteln im Bild zu platzieren. Die Blickrichtung sollte dabei immer in die offene Bildhälfte weisen. Warum? Sehen Sie selbst:

Video-Interview haben wir für unseren Kunden Stifterverband.de produziert. Die Fotos des Beitrags entstanden im Rahmen eines Shootings “Hinter den Kulissen”.

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