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djv_livestream_tipps

Livestreams sind kein kostengünstiger Ersatz für eine klassische Web-Video-Produktion – kein Nicht-Vorplanen und einfach Nur-Aufnehmen – so meine These. Auch bei einem guten Livestream gibt es einen Plan, ein Konzept, WARUM der Livestream-Macher seine Sendung / Show / Live-Schaltung so gestaltet, wie er es macht. Darum geht es im heutigen Ratgeber in Blog.

[white_box]Warum es diesen Blog-Beitrag gibt: Am 24. September war ich zu Besser Online eingeladen worden, einer Konferenz des DJV. Zusammen mit Richard Gutjahr saß ich für einen Workshop auf dem Podium. Einige Anmerkungen, die ich im Rahmen des Livestream zum laufenden Livestream selbst gemacht habe, möchte ich in diesem Blog-Beitrag ausformulieren.
Außerdem ist dieser Text der schon lange versprochene letzte Teil unserer inzwischen achtteiligen Reihe über (Mobile-)Livestreaming (Periscope und Co.).
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https://www.facebook.com/PadLive/posts/1212964275432711?pnref=story

Richard Gutjahr und Gerhard Schröder 

über „Journalismus in Zeiten von Mobile Media“

Regel 1: Entwickle ein Kanalversprechen und feste Formate

Wenn ein Video ein Konzept hat, dann gilt das auch für einen Livestream. Neben den technischen Grundregeln, die ich schon vor ein paar Jahren für Google Hangouts-on-Air aufstellte, ist für den dauerhaften Erfolg eines Kanals ein „Kanalversprechen“ eines der wichtigsten Dinge: Was hat Dein Zuschauer von einem Abo? Was versprichst Du dem Zuschauer?

[white_box]Warum ist die Aktivierung der Zuschauer für ein (YouTube-)Abo wichtig?
Antwort-Faustformel: Abonnenten schauen doppelt so viele und doppelt lange Deine Videos. Dies allein sollte schon Grund genug sein Zuschauer zu ermutigen. Das „Abo“ auf YouTube ist so etwas wie ein Newsletter-Abo. Nur ohne Email-Adresse. ;)[/white_box]

Als Beispiel erwähne ich immer wieder gern die erfolgreiche Kanalentwicklung unseres Kunden Stifterverband: „Jede Woche neue Videos zum Thema Bildung. Wissenschaft. Innovation.“ Wichtig ist es, sich diese Leitlinie seines Kanals klar zu machen. Bei dem Kunden Stifterverband mündete diese Arbeit auch in einem Kanal-Trailer, einem Video, das Nicht-Abonnenten einladen soll den Kanal zu abonnieren.

Dieses Kanalversprechen sollte dann in „feste Formate“ münden. Dazu kann auch ein Mix aus Livestreams und Video-Konserven gehören. So gibt es z.B. beim Stifterverband neben vielen „Interview-Videos“ noch die Formate „Portrait“ und „Livestreams“ (Forschungsgipfel-Konferenz-Livestream via YouTube-Live und Google Hangouts). Solche Formate helfen den Zuschauern besser zu verstehen, was „Dein Thema“ ist. Das mag bei einer News-Site natürlich auch aktuelle Berichterstattung sein.

Ausnahme vom „Konzept“?

Klar, wenn ein Journalist gerade bei einem plötzlichen Ereignis zugegen ist und sofort von vor Ort berichtet (Smartphone raus, Livestream-App aktivieren und draufhalten) dann hat er zunächst „kein Konzept“. Aber selbst solche Szenarien befolgen eine Reihe an Regeln. Dazu gehört auch die gekonnte Kommentierung der Ereignisse, wie es auch ein Sport-Reporter beim Fußball macht: Passiert gerade nichts, fasst er (erneut) die Fakten zusammen. Gerade im Livestream, bei dem die Zuschauer erst nach einiger Zeit in den Stream einsteigen, ist so etwas besonders wichtig. Siehe dazu mein Interview mit Sascha Pallenberg zu Livestreams via Periscope.

Regel 2: Bewirb Deinen Livestream… rechtzeitig!

Wenn Dein Livestream vorhersehbar ist, dann plane nicht nur rechtzeitig, sonder kommuniziere den Livestream mit genügend Vorlauf. Dazu ein paar Erläuterungen zu YouTube, Facebook und Twitter/Periscope:

Youtube Live

YouTube bietet die tolle Funktion, einen Livestream schon eine Woche (!) vorher einzurichten und in dem Rahmen eine Teaser-Grafik zu hinterlegen. Der Link zum Livestream steht nun schon fest und kann passend kommuniziert werden. Außerdem kann der YouTube-Player so schon in Websites eingebunden werden. Auf der Teaser-Grafik platziert YouTube auch direkt einen Countdown bis zum geplanten Start des Livestreams. Diese Fläche sollte man beim Design der Grafik einplanen.

 YouTube Live kann via Smartphone „bespielt“ werden, oder via passender Hard- und Software auch mit mehreren Kameras im Verbund, so wie man es aus klassischen Fernsehshows kennt. Auch dieser Livestream mit der Bundeskanzlerin Angela Merkel wurde von uns mit einem solchen Multi-Kamera-System aufgezeichnet:

Kleiner Tipp: Bei einer Konferenz kann man auch in eine PDF-Liste der Speaker so eine Woche vor dem Event die Links zu den einzelnen Vorträgen einpflegen. Auch in einem Newsletter an Interessenten können so die Links versendet werden.

Facebook Live

Auch Facebook bietet mit einem Facebook-Event die Möglichkeit einen Livestream anzukündigen. Leider sehe ich diese Vorgehensweise bisher sehr SELTEN. Warum nur? (Hinweis: Demo von Christian Müller vom 07.11.2016)

Twitter & Periscope

Twitter bietet mit seiner Tochterfirma Periscope und deren gleichnamiger App ebenfalls die Möglichkeit zum Livestream. Zwar kann man bei Pericope nicht direkt einen Livestream vorplanen, aber eine vorherige Ankündigung via Twitter sollte man auf jeden Fall machen. Vorschlag: ein paar Tage vorher, einen Tag vorher, ein paar Stunden vorher und auf jeden Fall 10 Minuten vor dem Stream.

Der Livestream wird auch via Twitter angezeigt, somit ist der Stream auch in eine Website ab Start des Streams einbindbar. Zum direkten Kommentieren muss man jedoch die Periskope-App installieren. Je nach Aktion (Formatplanung: Siehe Regel 1) gibt es ja einen Hashtag, zu dem Zuschauer auch einen Kommentar via Twitter verfassen können.

Regel 3: Interaktion „is King“ beim Livestream

Wir hatten schon in verschiedenen Beispielen gezeigt, ein Livestream ist keine klassische Video-Produktion. Wenn ein Livestream schon Fragen der Zuschauer erlaubt, dann sollte man diese Funktion auch nutzen. Oder wie in dem Beispiel mit Frau Merkel auf YouTube, die Kommentarfunktion schon in der Planung/Einrichtung des Livestreams deaktivieren. Wenn schon ein Zuschauer einen Kommentar schreibt und niemand reagiert auf das Feedback, dann ist das kein gutes Zeichen. In unserem Merkel-Livestream hatten wir an dem Tag zusätzlich mehrere Feedback-Runden für Zuschauer via Periscope eingerichtet.

Unsere Video-Journalistin Jenny Janson am Tag des Forschungsgipfels in Berlin mit Smartphone und Zusatzmikrofon nutze Periscope für Frage-Antwort-Runden.

Der Sidekick: Kommentar-Verfolger für den Moderator

Wir kennen das noch aus den Fernsehzeiten: Ein Moderator vor der Kamera bekommt auf einem Kärtchen die Zuschauerfragen überreicht. So in der Art laufen auch viele gute Livestreams ab. Nicht mit TV-Studio und Kärtchen, aber allein schon bei der Idee eines Livestreams via Periscope und einem Hashtag auf Twitter kommt jeder Livestream-Profi an Grenzen: Zwei Apps lassen sich nur auf dem neuen iPad-Pro im Side-by-Side-Modus anzeigen (und auf anderen Tabletts und Desktop-Geräten). Aber das Verfolgen eines Hashtags via Twitter, das Lesen der Kommentare via Periscope UND dann noch einen interessanten Bildzuschnitt auswählen und so ganz nebenbei einen Gesprächspartner zu Interviewen, ist einfach zu viel des Guten. Wir setzten bei verschiedenen Gelegenheiten einen Sidekick, einen Chat-Verfolger ein, der direkt auf die Kommentare der Zuschauer eingehen kann und Fragen zur rechten Zeit an den Moderator / Gesprächsführer weitergeben kann.

Ohne diese Möglichkeit zur Interaktion ist ein Livestream nur die Produktion einer (oft) schlecht gemachten Video-Dokumentation einer Veranstaltung. Die oft zu geringe Verweildauer und Abrufzahlen sprechen dann für sich.

Regel 4: Denk an den „Radio-Effekt“

Gerade bei Periscope fällt es immer wieder auf, dass nach einigen Minuten weitere Zuschauer sich in den Livestream einklinken und Fragen zum Stream stellen.

„Wo bist Du gerade?“
„Was machst Du da?“

„Wer ist da vor der Kamera zu sehen?“

Daher gilt im Livestream generell: Wann immer sich die Gelegenheit bietet, sollte man auf solche Fragen eingehen. Das muss nicht durch den Moderator erfolgen. Vielleicht übernimmt das der Sidekick im Chat, oder man bereitet einige Bauchbinden vor. Oder — wie in unserem Periscope-Beispiel — man schreibt die Fakten auf das T-Shirt der Person vor der Kamera. 😉

Den Radio-Effekt habe ich auf dem DJV-Podium so benannt, weil es mich immer an Radio-Interviews erinnert, bei denen der Moderator am Ende des Interviews nochmals den Namen und die Funktion seines Gesprächspartners wiederholt um Zuhörern, die die Einleitung in das Interview nicht gehört haben eine Zuordnung der Person zu geben.

Regel 5: Mach mehr aus dem Livestream

In meinem Augen einer der wichtigsten Punkte zum Thema Livestream: Was passiert nach der Liveschaltung? Wie wird das Material danach genutzt? Ein paar Beispiele:

ReCut / Trailer

Aus einem langen Stream die wichtigsten Ausschnitte in einer Zusammenfassung zur Verfügung stellen. So haben wir unseren eigenen Livestream zum Thema 360-Grad-Video von über 40 Minuten zu diesem 5-Minuten-Video zusammengefasst:

https://www.facebook.com/KreativeKK/videos/1206320839379972/

Auch für Kunden erstellen wir nach einem Livestream oft solche Zusammenfassungen. Wer mag, kann sich einen unseren älteren 2-Minuten-Trailer zum 25-Minuten-Interview für den „Deutschen Zukunftspreis“ anschauen. Das Interview wurde via Google-Hangouts geführt und danach mit einigen Grafiken ergänzt. Die Kernaussagen dann für den Trailer zusammengestellt.

Inhaltsübersicht

Wenn die Agenda eines Livestreams vorher schon feststeht, zum Beispiel bei einer Veranstaltung mit mehreren kurzen Reden ohne große Pausen, dann kann schon bei der Konzeption eines Livestreams eine passende Grafik erstellt werden und zur rechten Zeit im Video eingeblendet werden. Ein Beispiel dazu ist diese virtuelle Pressekonferenz via Google Hangout. Die Verlinkung der Inhaltsübersicht wurde nachträglich via YouTube-Anmerkungen aufgebracht. Heutzutage würden wir dafür eher die YouTube-Funktion Infokarten empfehlen. Siehe dazu unser HowTo: YouTube Infokarten.

Einbinden in die Website

Videos, die mit YouTube Live übertragen werden, verschwinden nach der Liveschaltung für einen Moment von YouTube und stehen danach als herkömmliches YouTube-Video in dem Kanal zur Verfügung. Praktisch: Der Link zum Video hat sich dadurch nicht geändert. Somit steht der ehemalige Livestream nachträglich als „Konserve“ zur Verfügung.

Der Livestream als Quellenangabe

Der Journalist Gunnar Sohn aus Bonn nutzt für seine Recherche immer wieder Interviews. Er stellt viele dieser Gespräche, wenn der Gesprächspartner es zulässt, als Video-Interview am Ende seiner Artikel dem Leser zur Verfügung. So kann ein „aus dem Zusammenhang reißen“ nicht mehr passieren.

Braucht man für einen guten Livestream „viel Geld“?

Das hängt zunächst von den eigenen Ansprüchen ab: Video-Produktion kostet Geld. Auch ein gut gemachter Livestream „mit dem Handy“ kostet wenigstens die Arbeitszeit einer Person, die den Livestream aufzeichnet und auf die Kommentare achtet. Geht es um eine Konferenz, so sind Themen wie Tonqualität und Lichtsituation auf jeden Fall zu beachten. Es kann auch eine Smartphone-Lösung sein — erneut — das hängt vom eigenen Anspruch ab.

Bei Multi-Cam-Lösungen kann ich nur sagen: Auch da gibt es Lösungen für ein iPad als Live-Bild-Regie und iPhones als weitere Kameras. Doch mit einer solchen Kombi KANN zwar „jeder“ einen Livestream machen, aber es bedarf wirklich viel Übung, um in einem Livestream mit drei oder mehr Kameras auf einem iPad sicher und gut zu arbeiten.

Was ich damit sagen will: Es kommt viel mehr auf das Personal an als auf Hard- und Software. Doch gutes Personal allein kann in gewissen Situationen keine schlechte Bild- oder Tonqualität retten. Dann braucht es mehr Vorplanung und dann vielleicht doch eher etwas größere Technik. Beispiele dazu sind Konferenzen wegen der Licht- und Tonsitutation. Wahre Könner lösen sowas „vielleicht auch mit Smartphone“, aber dann ist auch wieder einiges an Extra-Hardware und Kabelwirrarr nötig. Deswegen greifen wir dann lieber doch zur etwas größeren und sicheren Lösung und setzen in der Produktion auf Videokameras und eine Live-Regie-Software am Mac.

Nachtrag zum DJV-Livestream: Sascha Pallenberg „als Konserve“

Ich hatte für den DJV-Workshop zwei Sequenzen aus meinem Hangout-Interview mit Sascha Pallenberg zum Einsatz von Periscope vorbereitet. Aus Zeit- und Technik-Gründen habe ich auf den Part verzichtet. Das Gespräch hat sich auch in eine andere Richtung entwickelt. Wer trotzdem das ganze Interview schauen mag, hier das Video. Einige Punkte habe ich im Beitrag Periscope, Pallenberg und das Problem: Bauchbinden und die irre Kühlschrank-Meme zusammengefasst.

https://www.facebook.com/KreativeKK/videos/1031016276910430/

Der „verunglückte“ Livestream des Workshops

https://www.facebook.com/DJVde/videos/10157596916225529/?hc_location=ufi

[white_box]Meine Ratschläge an den DJV für die 13. Konferenz „Besser Online“ und das Thema „Livestream“ sind: Befolgt diese fünf Regeln und verwendet auf jeden Fall stabilere Stative, die nicht durch das Gewicht eines Smartphone-Ladekabels umstürzen. Die Zuschauer werden es Euch danken![/white_box]

Nun meine Frage: Welche goldenen Regeln würden die Leser dieses Beitrags noch ergänzen? 

[white_box]Weitere Blog-Beiträge bei uns zum Thema „Mobile Livestream“:
Teil 1: Einstieg in das Thema „Mobile Livestreaming“ & Periscope + Meerkat
Teil 2: Vorstellung der Apps YouNow und Streamago Social
Teil 3: Vorstellung der Apps Switcher Studio und Bambuser
Teil 4: Weitergehende Verwertung von Mobile-Livestreams via Video (Dieser Teil)
Teil 5: Sascha Pallenberg und seine Erfahrungen mit Periscope
Teil 6: Warum der Mix aus Google+, Hangouts on Air und Youtube wichtig ist…
Teil 7: Echtzeit-Video-Kommunikation via „Veredelte Hangouts“
Teil 8: Der Livestream-Knigge (aka Hangouts-on-Air-Knigge 2013)[/white_box]